Jenseits von Afrika

Jenseits von Afrika

Aus den zahlreichen Erfahrungen anderer Menschen, die für längere Zeit in einer fremden Kultur gelebt und gearbeitet haben, wusste ich, dass der Rückkehrprozess einige Herausforderungen bereithalten würde und deshalb nicht zu unterschätzen sei.

 

Nach einer anfänglichen Euphorie über das Wiedersehen mit Partnerin, Familie und Freunden ereilte mich bereits nach drei Wochen eine stumpfe, bleierne Lethargie, die mich paralysierte und welche ich zuvor an mir so nicht gekannte hatte. Sie schien mir zunehmend die Luft zum Atmen zu nehmen.

 

Die Weihnachtstage konnte ich noch einigermassen geniessen, auch wenn diese für meinen Geschmack zu üppig ausfielen, sowohl kulinarisch wie auch materiell. Auch vom Lebenstempo in den Strassen von Helvetiens umtriebigster Stadt liess ich mich nicht unmittelbar anstecken und schlurfte, für afrikanische Verhältnisse aber immer noch viel zu schnell, von Ort zu Ort. Nichts konnte mich aus der Ruhe bringen. Ich fühlte mich zentriert und geerdet zugleich, eins mit mir und der Umwelt. Angekommen in einer Mitte, die ich mir immer so gewünscht hatte. Ich fühlte mich gut und bereit für den Neuanfang. Ready to take off.

 

Die beinahe grenzenlose Auswahl während meines ersten Einkaufs bei den Detailhändlern schockierte mich nicht direkt, auch wenn diese schon in einem recht dekadent-lüsternen Gewand daherkam. Schliesslich habe ich weit über vierzig Jahre in dieser Kultur gelebt und mich auch darin zurechtgefunden. Weshalb also sollte mich so was umhauen? Zudem war die Auswahl in Rundus Supermärkten für afrikanische Verhältnisse beträchtlich. Es fehlte einem selten etwas, wenn man nicht jeden Tag zwischen zwei Dutzend Früchten und Gemüsen, ebenso vielen Zahnpasten und Fleischerzeugnissen auswählen will, geschweige denn dem in den hiesigen Breitengraden grassierenden Veganismus (oder heisst es Veganertum?) gerecht werden muss. Nein, Rundu bot mir wirklich viel mehr, als mein Verdauungszentrum begehrte und als man zu einem komfortablen Leben jemals benötigt hätte. Klar, manchmal war grad mein favorisiertes Duschmittel nicht erhältlich, dafür ein anderes ebenso wirksames. Und meistens waren die importierten Frischprodukte weder fürs Auge noch für den Gaumen ein Freudenfest. In solchen Situationen konnte man aber auf Gemüse in Büchsen oder tiefgefroren zurückgreifen. Nichts, aber auch wirklich nichts fehlte mir diesbezüglich.

 

Ebenso liessen mich die teilweise bereits vor Weihnachten ausgerufenen Sonderverkäufe relativ unbeeindruckt. Ich muss aber gestehen, dass ich mich nicht erwehren konnte oder wollte, ein Paar bequeme Winterschuhe zu erstehen. Nun denn, für einmal darf auch der Geist (oder ist es doch das Fleisch?) Schwäche zeigen.

 

Inzwischen ist Januar und man sieht vor lauter Sonderverkaufsplakaten, die unsere Sinne ununterbrochen berieseln und bearbeiten und gleichzeitig unsere Kauflust aphrodisieren und zu Höchstleistungen animieren sollen, die Menschen in den Läden gar nicht mehr. Ein einzig Meer der Gleichmachung: die Fensterfronten sind flächendeckend tapeziert mit kommerziellen Lobpreisungen in leuchtend bunten Farben, die einem die Augen schmerzen lassen. Kann es denn verwundern, wenn der Prozentsatz jener Zeitgenossen steigt, die sich auch im tiefgrauen Winter und ungeliftet nur noch mit Sonnenbrille aus dem Haus wagen?

Ob dieser Geschichte staunt selbst mein Kater Jay Bauklötze

Ob dieser Geschichte staunt selbst mein Kater Jay Bauklötze

Es ist nun nicht so, dass ich es nicht gewusst hätte, aber unser künstlich am Leben gehaltenes Wirtschaftssystem – denn eigentlich liegt es ja dauerhaft auf der Intensivsstation – ist einzig ausgerichtet auf Konsumsteigerung. Wachstumsraten sind das Manna des globalisierten Kapitalismus, der einzig dem Shareholdervalue verpflichtet scheint. Unseren bereits seit Jahrzehnten Schwindel erregenden Lebensstandart beizubehalten ist keine valable Option, denn Stillstand bedeutet nichts weniger als den Tod dieses Wirtschaftssystems und damit das Ende des exorbitant ansteigenden Gewinns seiner Investoren. Langlebigkeit der angepriesenen Produkte und qualitativ hochstehende, auf die wahren Bedürfnisse der Menschen ausgerichtete Dienstleistungen, sind so rar wie ein Blauwal in der Sahara.

 

Ja, ich weiss, ich konsumiere auch, versuche es jedoch bewusster zu tun. Ich frage mich vermehrt, ob ich dieses oder jenes Produkt wirklich benötige. Schliesslich flaut das mit dem Kauf einer Ware anfänglich einhergehende Glücksgefühl relativ schnell wieder ab. Herr Dopamin, Frau Serotonin und die Herrschaften Noredralin lassen sich nicht auf Dauer für dumm verkaufen und tanzen nicht ohne Nachschub endlos weiter. Ob dafür jedoch vermehrter Konsum der wahre und vor allem nachhaltige Glücksbringer ist, wage ich hier mal zu bezweifeln.

Manchmal treibt so ein Kundendienst schrecklich seltsame Blüten

Manchmal treibt so ein Kundendienst schrecklich seltsame Blüten

Wofür ich zugegebenermassen jedoch empfänglich bin ist die Art und Weise, mit der man mir begegnet, sei ich nun Kunde oder einfach Mensch. Für eine wertschätzende Behandlung, keine Lobhudelei sondern ungekünstelt und von einem wahren Interesse an meinem Anliegen oder meiner Person zeugend, würde ich viel geben. Doch existiert so was noch in unserer überkommerzialisierten Welt? Ja, wenn auch bedauerlicherweise zu selten. Doch erfreulich und erzählenswert allemal.

 

Als ich nach meiner Rückkehr aus Afrika bei den SBB in Zürich ein neues Halbtagsabo – nun kommt es ja im neuen scharlachroten Outfit mit dem unglaublich kreativen Namen „Swisspass“ daher und soll wohl dem stolzen Schweizer Pass nacheifern – beantragte, wurde ich von einer jungen Dame, die eine natürliche Freundlichkeit verströmte, aufs zuvorkommendste bedient. Geduldig erklärte sie mir die Neuerungen und worauf es zu achten gilt. Sie erkundigte sich aber auch über das Leben in Namibia und meine Tätigkeit dort. Kurz, sie behandelte mich als Kunden und Mensch zugleich. Eigentlich die natürlichste Sache der Welt, möchte man meinen. Doch Hand aufs Herz: wie oft erleben wir noch solche Glücksmomente? Heute ist jede Handlung im Arbeitsablauf durchrationalisiert und darf vor allem nichts kosten. Denn Zeit ist ja bekanntlich Geld. Die Krankenpflegerin darf für das Waschen eines Patienten bloss noch zehn Minuten aufwenden. Dem Schulhausabwart wird ein zeitliches Limit für die Reinigung eines Klassenzimmers von 23,5 Minuten zugestanden. Wo bitte schön hat da noch der zwischenmenschliche Kontakt Platz? Wo bleibt Zeit, dem Patienten zuzuhören?

Afrika steht für mich für Ideenreichtum. Wofür steht die Schweiz inzwischen?

Afrika steht für mich für Ideenreichtum. Wofür steht die Schweiz inzwischen?

Dem anfänglichen High nach dieser zutiefst menschlichen Begegnung folgte alsbald der jähe Absturz in die weltweit verbreiteten Abgründe des Dienstleistungssektors. Daran, dass die sogenannten Callcenters oder Hotlines nicht gerade von zuvorkommenden Leuten, die obendrein noch eine einigermassen durchschnittliche Allgemeinbildung genossen haben, bevölkert werden, kann ich mich leider nur zu deutlich erinnern. Obendrein machte ich auch in Afrika einige unliebsame Erfahrungen diesbezüglich. Aber irgendwie hat sich in meinem Langzeitgedächtnis doch der Gedanke festgesetzt, dass die Schweiz immer noch führend ist, wenn es um Kundenservice geht, auch wenn es die Swissair inzwischen nicht mehr gibt und die Retortentochter Swiss unter strammer deutscher Führung fliegt. Mein Erinnerungsvermögen konnte jedoch nicht weiter von der Realität entfernt sein.

 

Bekanntlich lässt es sich heutzutage nur umständlich ohne Handy- oder Festnetzanschluss leben, zumindest wenn man keinem der letzten Naturvölker angehört. Will man in Kontakt bleiben und erreichbar sein, benötigt man Internet und/oder irgendeine Telefonverbindung, gerade wenn man auf Job- und Wohnungssuche ist. Rauchzeichen haben im mitteleuropäischen Winter längst keine Daseinsberechtigung mehr, weshalb ich mich schon kurz nach meiner Rückkehr mit Handyabonnementen intensiv beschäftigen musste.

 

Nach eingehender Lektüre bestätigte sich mein Gefühl, dass ich weder irgend etwas INFINITYmässiges benötigte, zu viel SALT sollte es auch nicht sein, war ich doch nicht frisch verliebt und erinnerte mich noch an bittere ORANGE-Zeiten. In meinem Leben geht die Sonne jeden Tag auch ohne SUNRISE auf und Roger Federer ist ja schon länger nicht mehr die Nummer Eins. Niemand will zudem bestreiten dass ein Abo, das sich SWISS FLAT schimpft, in einer gebirgigen Alpendemokratie wohl kaum zuverlässigen Netzempfang bieten kann. Nein, dieses Mal wollte ich die Nummer Eins und mobil sein. Ganz dem Zeitgeist verhaftet: günstig und geizig. Wenn ich mangels Transportmöglichkeiten schon nicht dem normal gewordenen Einkaufstourismus nach Deutschland frönen konnte, so sollte es doch zumindest beim Handyabo etwas Billiges, aber Gutes sein.

Lang ist der Weg zum Glück

Lang ist der Weg zum Glück

Mancher ahnt, was nun kommt: ich entschied mich für das Handyabo „Mobile One“ von M-Budget. Dies ist eine bekannte Firma, mit welcher ich zuvor nie etwas zu tun gehabt hatte und auch nie haben wollte. Doch die Werbung erwies sich als transparent und das Angebot schien auf meine Bedürfnisse zugeschnitten. Ein positives Bauchgefühl stellte sich jedoch beim Gang zur M-electronics Filliale nicht wirklich ein und der mit potenziellen Kunden vollgestopfte und überstellte Laden, der mehr einem dieser verpönten Geflügelmastbetriebe glich als einem qualitativ hochstehenden Dienstleister, trug nichts zur Verbesserung meiner diffusen Stimmung bei. Doch ich wollte dem Neuen eine Chance geben.

 

Nach geduldigem Warten bekam ich endlich einen Verkäufer zugewiesen, welchem ich mein Anliegen schildern durfte. Flugs ging es zum Computer. Eifrig nahm der junge Angestellte meine Personalien und die Wohnadresse auf. Anschliessend machte er eine Kopie von meiner Identitätskarte. Das ganze Gespräch lief ohne einen Augenkontakt ab, der länger als eine Sekunde dauerte. Sicher kennt jeder von uns diese Art von Verkaufspersonal. Auf den ersten Blick wirkt es effizient, professionell, umtriebig und kundenfreundlich. In Wahrheit ist es oberflächlich, abgestumpft und beschlagen. Apropos schlagen: gnadenlos traktierte der Mann die Tastatur mit harten Fingerschlägen im Stakkato, als ob die Daten so schneller vom Computer aufgenommen werden könnten. So nebenbei eröffnete er mir, dass ich dann die SIM-Karte zugeschickt bekommen würde, was mich recht erstaunte. Vor und während meiner Afrikazeit war ich es gewohnt, dass man die SIM-Karte vor Ort ersteht, dieselbige ins Gerät einsetzt und der Netzanbieter die Aufschaltung innerhalb weniger Stunden erledigt. Dies war in all den von mir bereisten Ländern Afrikas so. Niemals hatte ich in Namibia, Samiba, Malawi oder Tansania ein vergleichbares Problem, wie es nun auf mich zurollen sollte.

 

Mit einem Strahlen des Erfolgs druckte der junge Mann, der sich später aus Lehrling entpuppte, den Vertrag aus, welchen ich doch bitte schön durchlesen und auf Korrektheit überprüfen sollte. Gesagt, getan. Auf den ersten Blick schien alles korrekt zu sein. Glücklicherweise erspähte meine Freundin, die mich gnädigerweise bei diesem schweren Gang begleitet hatte, eine Tippfehler bei der Adresse. Anstatt der Hausnummer 265 hatte der Auszubildende 256 eingetippt. Nicht so schlimm könnte man denken und so dachten auch wir. Doch leider hatte der fleissige Angestellte den Vertrag bereits elektronisch abgeschickt und konnte ihn gemäss seinen Aussagen nun nicht mehr korrigieren. Ich war gezwungen selber bei der entsprechenden Hotline anzurufen, denn dies dürfe nur der Kunde selber tun, wurde mir versichert. Auch hier wollte ich noch geduldig sein. Die Dame von der Hotline nahm mein Anliegen entgegen und korrigierte die Adresse, sodass die SIM-Karte in spätestens drei Tagen, denn so wurde es mir versprochen, in meinem Briefkasten landen würde. Ihren welschen Akzent erkennend wiederholte ich die Hausnummer zur Sicherheit noch auf Französisch und vergewisserte mich so nochmals bei der Dame von der Hotline, dass alles seine Richtigkeit hatte.

Das dicke Ende kommt zum Schluss

Das dicke Ende kommt zum Schluss

Wer Homers Odyssee gelesen hat, erahnt, dass ich noch weit weg von einem Happyend war. Denn auch nach fünf Tagen zeigte mein Briefkasten immer noch nichts ausser gähnender Leere. Bereits leicht enerviert versuchte ich mich zu trösten mit dem Gedanken, dass M-Budget ihrem Namen gerecht werden wollte und die SIM-Karte wohl einfach nur per B-Post gesandt hatte. Ich begab mich ins Weihnachtswochenende, ohne dass mein hart und geduldig ersteigertes Secondhand-Handy einsatzfähig gewesen wäre, dafür mit viel Frust im Bauch. Einen Blähbauch bereits vor dem Weihnachtsstress resp. -schmaus ist kein guter Start. Das weiss jeder.

 

Deshalb entschied ich mich kurzerhand nochmals die Hotline zu kontaktieren. Leider bescherte mir dieser Anruf nicht die erhofften Glückshormone. Im Gegenteil. Es stellte sich heraus, dass die Adresse immer noch falsch im System gespeichert und die SIM-Karte ebensowenig zu mir unterwegs war. Darüber hinaus wurde mir beschieden, dass man bei M-Budget sehr viel zu tun hätte und es sicher Januar werden würde. Ich fühlte mich nun regelrecht in diese vielbesungene Bananenrepublik versetzt, obwohl ich bisher noch keine solche bereist hatte. Denn Afrika ist anders als es das Klischee vermuten lässt. Afrika ist der Schweiz in gewissen Dingen sogar um Meilen voraus. Das war die erstaunliche Erkenntnis der ersten Wochen zurück im Heimatland. Oder war alles bloss eine unglückliche Verstrickung von Zufällen?

Sollte ich mir nun deswegen einen roten Kopf wachsen lassen?

Sollte ich mir nun deswegen einen roten Kopf wachsen lassen?

Nach über drei Wochen des Wartens, Ärgerns und Verzweifelns rang ich mich erneut durch – diesmal jedoch zum letzten Mal, so hatte ich es mir versprochen – die Hotline anzurufen. Wie bereits zuvor brachte das Gespräch mit der Person am anderen Ende der Telefonleitung keine neuen Erkenntnisse. Wie üblich hatte auch diese Dame versucht, mich mit irgendwelchen nichtssagenden Informationen abzuwimmeln. Doch wer in Afrika mit Löwen und Krokodilen kämpfen musste, Schlangenbisse ohne bleibende Lähmungen überlebt hat und sich auch von einer ausufernden Bürokratie nicht ersticken liess, der lässt sich von solch dilettantischen Taktiken nicht ins Bockshorn jagen. Ich verlangte nun vehement nach einer vorgesetzten Person. Nachdem ich mir minutenlang das unverständliche Gefasel in der Warteschlaufe anhören musste, meldete sich eine freundliche Frauenstimme, welcher ich, wie könnte es anders sein, von neuem den ganzen Fall schildern musste. Man kennt das ja.

 

Nach langwierigen Diskussionen stellte sich schliesslich heraus, dass der Antrag bisher unbearbeitet geblieben war, weil die für die Solvenzprüfung nötige Kopie meiner ID fehlte. Jene Kopie, die zwar im M-electronics Laden gemacht, wohl aber nie weitergeleitet wurde! Unbegreifbar für mich war jedoch, dass mich M-Budget weder per Mail noch via die auf dem Vertrag vermerkte Handynummer meiner Freundin kontaktiert hatte, was doch nahe liegend gewesen wäre. Eine Mail hätte man mir noch vor den Festtagen zukommen lassen, beschied mir die Dame. Dieses Schreiben sollte mich auffordern, die vom Angestellten unterschlagene ID-Kopie nachzureichen. Und in der Tat fand ich die besagte Mail später, jedoch nicht bei den Posteingängen, sondern im Spam-Ordner. In der Tat wäre ich nie darauf gekommen, dass eine Mail von M-Budget als Spam eingestuft werden würde. Aber vielleicht stimmt es halt doch: Nomen est omen. Der Name ist Programm und M-Budget wurde vom Mailprogramm als billigen Schrott eingestuft.

 

Gottlieb Duttweiler würde sich wohl angesichts dieser Geschichte – und mit Bestimmtheit könnten viele unter uns eine ähnliche präsentieren – sprichwörtlich im Grabe umdrehen. Dort im Jenseits.

 

Jenseits finde ich übrigens auch den Kundendienst von M-Budget. Doch seien wir ehrlich: die Schweiz ist weder besser noch schlechter, sondern einfach jenseits. Jenseits von Afrika!

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Abschied in Raten

Soeben habe ich mich von meiner Haushaltshilfe verabschiedet. Es war wie hier typisch im Kavango eine schlichte, aber ergreifende Sache. Ich dankte Rachel für ihre tolle Arbeit und ihre Zuverlässigkeit und wünschte ihr und ihrer Familie alles Gute für die Zukunft. Sie bedankte sich ihrerseits ausschliesslich in Rukwangali, dem lokalen Idiom, doch ich verstand genug und spürte ihre Dankbarkeit. Dann schüttelten wir uns die Hände, ohne grossen Augenkontakt, wie es halt so ihre Art war. Die Wege trennen sich wieder. Es ist hier nicht üblich, dass man sich im Alltag oft und innig für Dinge bedankt. Doch am Schluss kommen dann die Lobesworte im Schwall. Da geht Rachel hin, mit einigen meiner letzten Habseligkeiten, dich ich ihr geschenkt habe.

Das Ende meiner eigentlich Arbeit war versöhnlich. Bekanntlich wird hier vieles erst in letzter Sekunde realisiert, falls überhaupt. Mein Abschied vom Directorate of Education sollte diesbezüglich keine Ausnahme bilden. Doch alles der Reihe nach.

Als ich den Entschluss meinen Einsatz etwas früher zu beenden öffentlich gemacht hatte, gelangten schon bald die ersten Bedauernsäusserungen an mich. Natürlich geschah dies aus lauter Höflichkeit, wussten doch die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen nicht wirklich im Detail, was ich eigentlich an den Schulen leistete.

Ein Arbeitskollege aus dem Directorate riet mir, das genaue Datum des letzten Arbeitstages meinen Vorgesetzten mitzuteilen. Aufgrund übriggebliebener Ferientage stellte sich der 18. September als mein ultimativ letzter Arbeitstag beim Directorate heraus.

Um mein Arbeitszeugnis endlich in den Händen halten zu können waren ebenfalls konstantes und geduldiges Ermahnen gefragt. Auch ein Abschlussgespräch fand statt, in welchem ich nochmals meinen letzten Arbeitstag in Erinnerung rief. Doch trotz all der weisen Tipps meines Arbeitskollegen nahmen die Wochen seinen Lauf und ich hörte nichts von meinen Vorgesetzten.

Es war bereits der drittletzte Tag angebrochen, als der Chefbuchhalter in mein Büro kam und mich fragte, wann denn meine Verabschiedung stattfinden würde. Ich teilte ihm mit, dass ich weder von einer offiziellen Verabschiedung Kenntnis hätte, noch mit irgendetwas in der Art rechnen würde.

Panduleni Hashoshange (welch wohlklingender Name!!) und seines Zeichens Chefbuchhalter meinte, man könne jemanden nach fast drei Jahren nicht einfach so gehen lassen. Ich wäre der Erste, für den man nicht zumindest eine formale Verabschiedung organisieren würde. Ich erwiderte, er müsse sich nicht verantwortlich fühlen. Doch Mr Hashoshange zog im Hintergrund gekonnt die Fäden und delegierte das Nötige.

Mit Loide und JT im Hof des Directorate

Mit Loide und JT im Hof des Directorate

 

Nun, Planung ist oft keine Stärke der Menschen hier und stark in der Kultur verankert. Doch wenn schnell und unkompliziert ein Fest oder zumindest eine Verabschiedung aus dem Boden gestampft werden muss, dann wird sowas hier äusserst erfolgreich realisiert. In der Schweiz braucht sowas mindestens eine Vorlaufzeit von einigen Wochen, diverse Meetings und Arbeitsgruppen.

So kam es dann, dass ich am letzten Arbeitstag informiert wurde, dass um 16 Uhr eine kleine Verabschiedung stattfinden und man von mir eine Rede erwarten würde. Inzwischen verursacht bei mir eine solche Kurzfristigkeit kein Sodbrennen mehr. Und ich war sicher, dass mir dann schon einige Worte in den Sinn kommen würden. Pünktlich fand ich mich im kleinen Konferenzraum ein, wo ausser ein paar Gläsern noch nicht viel auf einen Anlass hindeutete. Eine halbe Stunde später waren etwa ein halbes Dutzend Kolleginnen und Kollegen anwesend, inklusive dem Vizedirektor. Dieser fand den Aufmarsch ungenügend und trommelte auf die Schnelle noch einige, noch nicht ins Wochenende verreiste Mitarbeiter zusammen.

Ganz dem hiesigen Protokoll verpflichtet wurde ich darauf mit bewegenden Worten, inklusive Gebet und Bibelzitaten, im Namen der Abteilung „Professional Development“ und des Direktoriums verabschiedet. Glücklich und versöhnt mit vielen Dingen, die die vergangenen fast drei Jahre einiges von mir abverlangt hatten, verliess ich meinen Arbeitsplatz.

Bereits eine Woche zuvor konnte ich meine private Abschiedsparty mit meinen Freunden geniessen. „Sternekoch“ Hansjörg und seine Frau Barbara gewährten mir für diesen lustigen Anlass Asyl und bekochten uns. Auch diese Stunden werden mir ewig im Herzen bleiben. Tausend Dank euch beiden.

Meine Abschiedsparty

Meine Abschiedsparty

 

Die vergangene Woche war ich schliesslich mit dem Verkauf meiner Habseligkeiten und der Reinigung des Hauses beschäftigt. Einige Nachbarinnen gerieten sich teilweise fast in die Haare im Kampf um Töpfe, Gläser und Geschirr. Irgendwann war das meiste weg und ich schlief im leeren Haus auf einer Campingmatte, kochte mein Nachtessen auf dem Gaskocher und genoss die lauen Abende draussen auf dem letzten verbliebenen Stuhl. Erst dann begann ich zu realisieren, was hier eigentlich über die Bühne ging. Mein vorläufig endgültiger Abschied von Rundu, Namibia und den Menschen hier. Zum Glück hatte ich noch einige Papiertaschentücher zur Hand.

Auch während meiner Abschiedstour an den Schulen durfte ich viel Wohlwollen und Lob für meine Arbeit entgegen nehmen. Einige wollten meinen Abschied nicht recht wahrhaben und baten mich gar zu verlängern. Aber auch ihnen war klar, dass man mich nicht mehr umstimmen konnte. Ich bin dankbar, dass etliche Lehrpersonen zumindest in meinem letzten Einsatzjahr verstanden haben, was ich eigentlich mit ihnen erreichen wollte. Es macht mich glücklich zu sehen, dass einige Lehrpersonen nun vermehrt schülerzentriert unterrichten, gemeinsam vorbereiten und allgemein mehr Spass am Unterricht haben. Insofern hat sich das Durchhalten, denn das war es zwischenzeitlich schon, gelohnt.

Lustiger Abschied mit Mrs Khutenda und Mr Hamutenya (Sauyemwa Combined School)

Lustiger Abschied mit Mrs Khutenda und Mr Hamutenya (Sauyemwa Combined School)

 

Lehrpersonen der Dr Alpo Mbamba Junior Secondary School

Lehrpersonen der Dr Alpo Mbamba Junior Secondary School

 

Neben den vielen bleibenden Erinnerungen und Freundschaften werde ich jemanden ganz, ganz fest vermissen. Mein Kater Jay hat mir über viele einsame Stunden hinweggeholfen und brachte mich immer wieder mit seinen sagenhaft hohen Luftsprüngen und seinem unvergleichlichen Blick zum Lachen. Jay, du warst mir ein treuer Freund, herzlichen Dank. Ich wünsche dir viel Glück am neuen Ort, wo du dich hoffentlich bald zuhause fühlen wirst.

Go well dear Jay, you will be remembered forever

Go well dear Jay, you will be remembered forever

 

Ebenfalls verlässliche Freunde: Regina und mein ehemaliges "Rävli", das nun ihr gehört

Ebenfalls verlässliche Freunde: Regina und mein ehemaliges „Rävli“, das nun ihr gehört

 

Im Gegensatz zu meinen immateriellen Schätzen bleibt nach drei Jahren nicht mehr viel an Besitz übrig

Im Gegensatz zu meinen immateriellen Schätzen bleibt nach drei Jahren nicht mehr viel an Besitz übrig

 

Heute Nacht verlasse ich Rundu Richtung Livingstone (Sambia). Meine Abschlussreise durch Afrika und eventuell Europa beginnt. Die Dunkelheit der Nacht wird mir helfen die glasigen Augen zu kaschieren. Ich bin zutieftst dankbar für die äusserst bewegende und lehrreiche Zeit in Afrika. Farewell to you, Namibia, the land of the brave!

 

Geld & Karma

 

Sie heissen „Prophet TB Joshua“ oder „Prophet Bushiri“, um nur die hier zu Lande bekanntesten zu nennen. Sie sind unglaublich reich, besitzen Villen, Ländereien und sogar Fernsehkanäle, über welche die in riesigen Hallen abgehaltenen Gottesdienste und Vortragsreihen in viele Länder Afrikas übertragen werden. Diese Gottesmänner (es gibt nur wenige Frauen in diesem Business) haben unglaublichen Zulauf und werden von ihren Anhängern vergöttert und vor allem nicht in Frage gestellt. Manchmal kommt man als Aussenstehender nicht drum herum einen Vergleich zu ziehen mit einer Herde Schafe, die blindlings über eine Klippe springen.

Im vergangenen Jahr ist bei Prophet TB Joshua in Nigeria ein tragischer Unfall passiert, als das einstürzende Dach eines Kirchengebäudes viele Gläubige unter sich begrub. Einige Dutzend Opfer waren zu betrauern, deren Angehörige nun TB Joshua verklagt haben. Doch all dies tut der Popularität dieser Protagonisten offenbar keinen Abbruch.

Sie sind auch auf Facebook präsent und benutzen die sozialen Medien geschickt für ihre Belange. Einige meiner namibischen Bekannten, die gebildete und intelligente Zeitgenossen sind, gehören zu den Anhängern dieser selbst ernannten Propheten. Oft wird dort Haarsträubendes prophezeit. Beispielsweise, dass wenn man das Wort „Amen“ als Kommentar bei einem Facebook Post eintippt, ein Segen in Form von Geld, Haus, Auto usw. in den folgenden Tagen über einem ergossen werden wird. Es sind jeweils Hunderttausende, die solchen Anweisungen folgen und das verlangte Wort eintippen. Und dies geschieht jeden Tag und jede Woche von neuem, weil offenbar der Segen sie immer noch nicht erreicht hat. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Auch die vielen Dutzend Kirchen, die in Rundu um ihre Schäflein buhlen, bewegen sich für mein Empfinden teilweise auf seltsamen Pfaden. Gerade in meiner Nachbarschaft hält eine Kirche dreimal pro Woche Gottesdienste im Freien ab. Die Lieder sind zwar oft sehr schön und werden mit Inbrunst gesungen, die Reden, über Mikrofone verstärkt, kommen mir jedoch oft ziemlich manipulativ rüber. Mein erster Gedanke war zu Beginn, dass es sich dabei um eine Sekte und bei den lautstarken Aktivitäten um irgendeinen „Exorzismus“ handeln könnte. Nun, dem ist zum Glück nicht so. Und trotzdem: wenn man es kritisch betrachtet, steht Religion immer in Verbindung mit Geld und Macht. Vor allem materielle, weniger spirituelle Verheissungen ziehen Menschen in den Bann dieser charismatischen Propheten, die dies teilweise schamlos ausnützen und die sonst schon leidenden armen Bevölkerungsschichten zusätzlich ausbluten.

Und bevor ich hier mit dem Religions- und Sektenkritiker Hugo Stamm vom Tagesanzeiger verglichen werde, möchte ich auf die eigentliche Kernfrage zurückkommen. Inwieweit lassen wir Geld oder die Aussicht darauf unsere Entscheidungen bestimmen?

Das Schicksal hat mich gerade vergangene Woche auf die Probe stellen wollen. Mit nur noch wenigen verbleibenden Wochen in meinem Einsatz, bin ich zur Zeit daran, meinen Haushalt und mein Auto zu veräussern. Ein zeitaufwendiges und nicht selten etwas nervenaufreibendes Unterfangen. Doch mit zunehmender Erfahrung kann ich inzwischen sehr vieles aus diesen Verhandlungen lernen, ja sie können sogar recht amüsant sein.

Jungfräulich neue und trotzdem gebraucht: Mein RAV 4 noch ohne Nummernschilder

Jungfräulich neu und trotzdem gebraucht: Mein RAV 4 noch ohne Nummernschilder 2013.

Kaum hatte ich Kühlschrank, Herd, Bett usw. zum Verkauf ausgeschrieben, fanden sich bereits zahlreiche Interessenten in meinem Haus ein. Erleichtert, aber etwas gutgläubig, reservierte ich für einige potentielle Käufer Geräte und Gegenstände. Ich glaubte ihren Versprechen, sie würden binnen eines Monates eine Anzahlung von 50 % leisten, wie ich es verlangt hatte. Darauf musste ich weitere Interessenten abweisen, da der gewünschte Gegenstand ja bereits reserviert war. Wie sich im Juli dann herausstellte, war ich zuvor etwas naiv gegenüber einigen Nachbarn gewesen. Sie leisteten selbst nach wiederholten Beteuerungen keine Anzahlung. Nun galt es konsequent zu sein. Ich publizierte erneut in Supermärkten und an den Schulen und innerhalb weniger Tage hatte ich Bett, Herd, Tisch, Büchergestell mit der verlangten Anzahlung so gut wie verkauft. Ich bin nun zuversichtlich, dass beim nächsten Zahltag Ende August auch die verbleibende Raten beglichen werden.

Der bedeutendste Posten stellt allerdings mein Auto dar. Gerade neulich hatte ich noch alle Stossdämpfer und Bremsbeläge ersetzen lassen. Der Wagen ist in einem Topzustand und kann auch optisch punkten. Auf Internetportalen wird der identische RAV4 bei geringfügig kleinerem Kilometerstand für rund 8’500 Franken angeboten. Deshalb erachtete ich den anvisierten Verkaufspreis von 7’300 Franken als durchaus attraktiv und fair. Dementsprechend viele Interessenten meldeten sich. Das Problem hier in Rundu ist allerdings, dass viele Menschen über wenige Ersparnisse verfügen und Autos meist auf Abzahlung kaufen. Ich bekam Angebote über 4000, 5000 und auch mal 6000 Franken, was jedoch einiges unter dem Marktwert lag. Doch die Menschen haben oft schlicht nicht mehr auf ihren Konten. Zu viele Familienmitglieder und Verwandte müssen von einem Salär durchgefüttert werden.

Als Kind hasste ich Sonntagsausflüge im Auto, weil ich mir immer schlecht wurde. Auch danach wurde ich nie ein Autofan, besass nie eines und liebte den öV. Hier ist jedoch ein gewisser Stolz auf das erste Auto unverkennbar. Man sollte das jedoch auch nicht überbewerten.

Als Kind hasste ich Sonntagsausflüge im Auto, weil mir immer schlecht wurde. Auch danach war ich nie ein Autofan, besass nie eines und liebte den öV. Hier ist jedoch ein gewisser Stolz auf das erste Auto unverkennbar. Man sollte das jedoch auch nicht überbewerten.

Vor rund einem Monat war ich bereits mit einem Angestellten hier im Ministerium handelseinig. Ich setzte einen einfachen Vertrag auf und wir vereinbarten ein Datum für die Unterzeichnung. Es wäre, auch für diesen jungen Mann das erste Auto gewesen. Am besagten Tag erschien er geduckt und etwas deprimiert in meinem Büro und gestand mir, er könne den Wagen nun doch nicht kaufen. Seine Familie hätte ihr Veto eingelegt. So was ist hier nicht unüblich, bliebe doch bei einem Autokauf weniger für sie übrig.

Schliesslich fand ich in meiner Kollegin Regina eine Käuferin, obwohl nicht zum anvisierten Preis. Es handelte sich eher um einen Freundschaftspreis, der für mich eigentlich bereits unter der akzeptablen Schmerzgrenze lag. Doch was tut man nicht alles für Freunde und in der eignen Not, das Auto noch loszuwerden. Auch für Regina setzte ich wiederum einen Verkaufsvertrag auf. Leider vergingen Wochen ohne irgendeine Unterzeichnung. Deshalb liess ich auch das Verkaufsschild an meinen Toyota kleben. Ich hatte aus den Erfahrungen gelernt und konnte mir beim Auto schlicht keine negativen Überraschungen leisten. Doch ich hoffte und vertraute Regina eigentlich, schliesslich hatten wir beide unmissverständlich dem Kauf/Verkauf zugestimmt. Ein Wort sollte doch Gewicht haben.

In der vergangenen Woche wurde ich dann überraschenderweise von einem Schulinspektor kontaktiert. Er zeigte sich extrem interessiert an meinem Wagen, da er offensichtlich dringend ein neues Fahrzeug in dieser Preisklasse benötigte. Er war gewillt den ursprünglichen Preis ohne Wenn und Aber zu bezahlen.

Auch am Ende des Einsatzes ist mein "Rävli" immer noch eine Augenweide.

Auch am Ende des Einsatzes ist mein „Rävli“ immer noch eine Augenweide.

Ich kann nicht leugnen, dass eine gewisse Versuchung da war, ihm zuzusagen, lag sein Angebot doch fast 600 Franken höher als dasjenige von Regina. Doch eigentlich hatte ich ihr ja mein Wort gegeben. Und ich lege grossen Wert darauf, mein Wort zu halten. Also informierte ich den Inspektor, dass der Wagen bereits verkauft wäre. Es fehlte einzig die Unterschrift auf dem Vertrag. Ich versprach ihm, auf sein Angebot zurückzukommen, würde der schriftliche Vertragsabschluss mit Regina am Wochenende nicht über die Bühne gehen. Damit schien er einverstanden.

Doch bereits am folgenden Morgen erhielt ich einen Anruf. Diesmal von jenem Schulinspektor, der eigentlich die letzten zweieinhalb Jahre mit mir hätte zusammenarbeiten und mich hätte unterstützen sollen, weil er es war, der bei Interteam eine Fachperson verlangt hatte. Er wollte offensichtlich seinen „Kontakt“ zu mir in die Waagschale werfen und ein gutes Wort für seinen Verwandten und Berufskollegen einlegen. Es wäre wirklich wichtig für ihn, diesen Wagen zu bekommen.

Ich bin teilweise etwas nachtragend, vor allem wenn Ungerechtigkeiten mit im Spiel sind. Und deshalb kann es nicht erstaunen, dass ich sehr kurzangebunden mit diesem Herrn war. Ausgerechnet er, der mir meine Arbeit durch seine Gleichgültigkeit so stark erschwert hatte, wollte mich mit samtweicher Stimme nun überreden. Er musste in der Tat Kreide gegessen haben. Doch auf so eine billige Tour liess ich mich nicht ein.

Wer nun denkt, das wäre bereits das Ende der Geschichte gewesen, täuscht sich. Wiederum einen Tag später kam der Interessent direkt in mein Büro, legte ein Bündel Geldnoten auf meinen Tisch und lud mich ein, mit ihm auf der Bank die Restsumme holen zu gehen. Nun wurde also richtig fies Druck aufgesetzt resp. meine Käuflichkeit getestet.

Ich lasse mir doch keine Hörner aufsetzen!

Ich lasse mir doch keine Hörner aufsetzen!

Nach fast drei Jahren Entwicklungseinsatz und zahlreichen, fürs Leben hier nötige Anschaffungen sind meine Ersparnisse um einiges geschmolzen. Die Verlockung war da, wenn auch nicht überwältigend gross. Wie so oft in meinem Leben hörte ich auf das Bauchgefühl. Mein Wort soll etwas wert sein und es fühlte sich absolut richtig an, den Wagen an Regina zu verkaufen, auch wenn es mich nun fast ein Rückflugticket kostet.

Nun denn, mein Karma sollte wieder etwas aufgefüllt sein und mir in Zukunft den einen oder anderen Misstritt verzeihen.

Wir sind Weltmeister!

Namibia ist Weltmeister! Nein, nicht im Fussball, wobei das Land auch dort in letzter Zeit einige erstaunliche Erfolge feiern konnte. Nein, Namibia ist Welt- oder zumindest Afrikameister, wenn es darum geht, moderne Richtlinien auszuarbeiten…….und diese nicht umzusetzen. Tut mir leid, aber etwas Zynismus ist manchmal durchaus angebracht.

In meiner Arbeit mit den Lehrerkollegen versuche ich eine ältere Policy, jene des schülerzentrierten Unterrichts, auf eine den lokalen Verhältnissen angepasste Weise zu implementieren. Eine Herkulesaufgabe, wenn man in Betracht zieht, dass diese Policy bereits zu Beginn der 90er Jahre verfasst, aber bisher noch nirgends umgesetzt wurde. Und ich bin wohl kaum der erste, der sich an dieses Unterfangen wagt.

Wie meistens gingen die Verfasser solcher Richtlinien von Idealvorstellungen aus. Die Realität, zumindest hier im Kavango, ist jedoch eine ganz andere. Klassen mit zwischen 45 und 60 Lernenden, zu wenige Schulraum, keine entsprechende methodisch-didaktische Schulung in der Lehrerausbildung. Diese Liste könnte fast beliebig verlängert werden. Meine Aufgabe sehe ich daran, den Lehrerinnen und Lehrern Wege praktisch vorzuzeigen, wie man zumindest Teile der Richtlinien zum Wohle der Lernenden umsetzen kann, ohne die herausfordernden Bedingungen ausser Acht zu lassen.

Doch wie es so ist bei Ländern mit grossem Reformeifer steht die nächste Policy im Schulbereich bereits wieder vor der Tür. Sie liest sich äusserst ambitiös und kommt dementsprechend in Hochglanz und vierfarbig daher. Man hat sich zum Ziel gesetzt, seh- und hörbehinderte Kinder sowie solche mit Lernschwierigkeiten in die Regelklassen zu integrieren. Das Zauberwort (oder Fluchwort, je nach dem) heisst „Inclusive Education“. Namibia hat sich darüber hinaus auch international verpflichtet, dies in die Tat umzusetzen.

Die Andreas Kandjimi Schule hat die Gäste mit allem Pomp empfangen

Die Andreas Kandjimi Schule hat die Gäste mit allem Pomp empfangen

Irgendwie fühlte ich mich an den Film

Irgendwie fühlte ich mich an den Film „Sister Act“ erinnert

Ein äusserst begabter Schulchor

Ein äusserst begabter Schulchor

Rührender Empfang durch die Schülerinnen und Schüler

Rührender Empfang durch die Schülerinnen und Schüler

Das Bildungsministerium hat in Zusammenarbeit mit Interteam Ende Juni eine dreitägige Konferenz hier in Rundu abgehalten. Dazu waren Vertreter aller betroffenen Akteure geladen: Lehrpersonen, Schulleiter, Schulinspektoren, Policyschreiber und weitere Bildungsexperten, Lokal- und Regionalpolitiker und Schülergruppen.

Am ersten Tag besuchten wir einige Schulen hier in Rundu, die sogenannte „Special Units“ für Schülerinnen und Schüler mit Lernschwierigkeiten jeglicher Art führen. Es hat mich tief beeindruckt, mit welchem Eifer die Lernenden bei der Sache waren und mit welch überdurchschnittlichem Engagement die Lehrpersonen unterrichteten. Wenn doch nur die Pädagogen in den Regelklassen ihren Schützlingen Ähnliches bieten würden!

Lernende mit Sehbehinderungen, nicht wenige davon sind Jugendliche mit Albinismus, verfügen über Computer mit Lupen, die das Geschriebene an der Wandtafel stark vergrössert abbilden. Kinder mit Hörbehinderungen besitzen Hörgeräte und werden von ihren Lehrpersonen in der Gebärdensprache unterrichtet. Man bemüht sich, diese Klassen klein zu halten und spezielles Lernmaterial zur Verfügung zu stellen. Die Unterrichtssituation ist meiner Ansicht nacht verhältnismässig gut.

Ob diese Schülerinnen und Schüler versucht haben Lippen zu lesen?

Ob diese Schülerinnen und Schüler versucht haben Lippen zu lesen?

Lernende mit Hörbehinderung werden in der Gebärdensprache und mit Abbildungen unterrichtet.

Lernende mit Hörbehinderung werden in der Gebärdensprache und mit Abbildungen unterrichtet.

Alles OK!

Alles OK!

Und trotzdem gibt es Probleme. Oft werden Schülerinnen und Schülern mit physischen oder psychischen Defiziten von ihren Familien versteckt gehalten und gar nicht erst in die Schulen geschickt. Allzu oft schämt man sich noch, ein Kind mit einer Behinderung zu haben. Darüber hinaus werden Jugendliche mit Lernschwierigkeiten von ihren Lehrpersonen in den Regelklassen gar nicht erst entdeckt oder adequat unterstützt. Stimmen die Leistungen nicht, ist dies einfach aufgrund der Faulheit der Kinder.

Ingesamt gibt es zu wenige dieser „Special Units“. Nun wird mit der Integration versucht, auch dieses Problem zu lösen, neben anderen.

Menschen mit Albinismus haben stark eingeschränkte Sehfähigkeiten

Menschen mit Albinismus haben stark eingeschränkte Sehfähigkeiten und eine extrem empfindliche Haut

Mit einer Speziallupe werden die Information von der Wandtafel auf dem Laptop vergrössert dargestellt.

Mit einer Speziallupe werden die Information von der Wandtafel auf dem Laptop vergrössert dargestellt

Kinder mit Lernschwächen werden ebenfalls in den

Kinder mit Lernschwächen werden ebenfalls in den „Special Units“ geschult.

Die Hostel-Zimmer bieten den Jugendlichen wenig Platz

Die Hostel-Zimmer bieten den Jugendlichen wenig Platz

Man darf sich zu Recht fragen, ob eine solche Integration erfolgreich verlaufen kann, wenn man die unvorteilhaften und überfordernden Umstände in den Regelschulen betrachtet. Schulische Integration klappt ja selbst bei uns in Europa nicht wie vorgesehen. Oft hängt dies damit zusammen, dass die Policy die Realität zu wenig berücksichtigt und nötige Ressourcen nicht gesprochen werden. Kein Wunder also stehen die Lehrpersonen einer Integration auch hier äusserst kritisch gegenüber, zumal es keine Ausbildung von Heil- und Sonderpädagogen in Namibia gibt.

Bei einem weiteren Besuch einer Schule für Jugendliche mit Lernschwierigkeiten wurde ein Gespräch mit den Lernenden organisiert. Offen und ehrlich wie diese Kinder ja meistens sind, mussten die Policyschreiber aus der Hauptstadt mit Erstaunen feststellen, dass die Zielgruppe gar keine Integration in die Regelklassen möchte. Das wollte man natürlich nicht hören und versuchte die Sichtweise der Jugendlichen zu korrigieren.

Doch die klare Aussage blieb: Die Kinder fühlen sich grundsätzlich wohl unter sich und möchten einzig von den Schülerinnen und Schülern der Regelklassen akzeptiert und nicht als „Idioten“ beschimpft werden. Leider wird viel zu oft das Kindswohl nicht berücksichtigt. Auf berechtige und kritische Fragen der Jugendlichen wurde von Seiten der Experten mit Halbwahrheiten (ich würde es Augenwischere oder sogar Lügen nennen) geantwortet. An diesem Nachmittag war ich ziemlich wütend auf diese hoch dekorierten Schreibtischtäter und Bildungstheoretiker. Wie bei uns sind diese Spezialisten zu weit entfernt von der Realität und wollen das partout nicht einsehen.

Diese Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten sollten vor allem mit handwerklichen Tätigkeiten zusätzlich geschult werden. Die Kochherde funktionieren leider nicht und der Kochunterricht wird rein theoretisch abgehandelt. Trotzdem fühlen sich die KInder wohl in diesen Spezialklassen.

Diese Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten sollten vor allem mit handwerklichen Tätigkeiten zusätzlich geschult werden. Die Kochherde funktionieren leider nicht und der Kochunterricht wird rein theoretisch abgehandelt. Trotzdem fühlen sich die Kinder wohl in diesen Spezialklassen.

Hier wird am Braille Alphabet gearbeitet. Es gibt sogar eine Braille Schreibmaschine.

Hier wird am Braille Alphabet gearbeitet. Es gibt sogar eine Braille Schreibmaschine.

Dank riesigen Einsatz von Schule und Lehrerschaft profitieren die Schülerinnen und Schüler hier von geeigneten Lernhilfen.

Dank riesigen Einsatz von Schule und Lehrerschaft profitieren die Schülerinnen und Schüler hier von geeigneten Lernhilfen.

Jugendliche mit Lernschwächen können hier auch mit Holz werken.

Jugendliche mit Lernschwächen können hier auch mit Holz werken.

Die nachfolgenden zwei Tage waren intensiv. Neben den hier üblichen stundenlangen Begrüssungs- und Einführungszeremonien fanden später zahlreiche Gesprächsrunden in Kleingruppen statt. Zwischendurch bereicherten diverse Schülergruppen (mit und ohne Lernbehinderungen) mit ihren teils fröhlichen, teils berührenden Darbietungen den Tag.

Spannend war, dass in den gemischten Gesprächsgruppen den Bildungsexperten aus Windhoek teils ein strammer Wind entgegen blies. Sie argumentierten einzig mit Studien und eben der internationalen Verpflichtung des Landes, dass man diese Integration vollziehen müsse. Die extrem schwierigen Verhältnisse hier vor Ort und auch im Rest des Landes wurden dabei weitestgehend beschönigt. Man bot keine Lösung an und beharrte auf der Idee, man müsse halt einfach mal irgendwo beginnen. Es käme dann schon gut. Eine durch ihr Auftreten und ihre Kleiderwahl auffällige Dame (mit Doktortitel) meinte, sie könne nicht an die nächste internationale Konferenz nach Genf fliegen und dort eingestehen, dass Namibia nun doch nicht mitmachen würde bei der schulischen Integration. Tolle Begründung, die bei den Lehrpersonen bestimmt auf offene Ohren gestossen ist.

Für mich ist klar, dass die Integration zuerst in der Gesellschaft, in den Köpfen der einzelnen Menschen, stattfinden muss. Erste zaghafte Schritte sind zwar ersichtlich, doch es dauert wohl noch ein, zwei Generationen bis man hier soweit ist.

Diese Schüler einer Regelklasse zeigte sich beeindruckt von den Darbietungen ihrer sehbehinderten Kolleginnen und Kollegen.

Diese Schüler einer Regelklasse zeigten sich beeindruckt von den Darbietungen ihrer sehbehinderten Kolleginnen und Kollegen.

Die meisten Konferenzteilnehmer liessen sich von den Schülerdarbietungen mitreissen.

Die meisten Konferenzteilnehmer liessen sich von den Schülerdarbietungen mitreissen.

Ein rührender Höhepunkt der Konferenz waren jene Momente, wo sich spontan eine gelebte Integration einstellt. Die ebenfalls eingeladene Tanzgruppe einer Schule mit Regelklassen gesellte sich auf die Bühne zum Chor der Jugendlichen mit Sehbehinderungen und tanzte dazu. Davon liessen sich zahlreiche Konferenzteilnehmer anstecken und es wurde nun wild gemischt zur Musik die Hüften geschwungen. Persönlich ist mir vor allem auch das eindrückliche Rollenspiel einer Gruppe von Hörbehinderten in Erinnerung geblieben. Einfach fantastisch!

Eines der Ziele dieser Zusammenkunft, die Sensibilisierung der verschiedenen Interessengruppen voranzutreiben, wurde sicherlich erreicht. Damit jedoch die geplante Integration von den Schulen und den Lehrpersonen getragen werden kann und wird, müssen die Unterrichtsbedingungen vor Ort massiv verbessert werden. Und das geht leider nicht bloss mit guten Worten und Konferenzbesuchen im fernen Ausland. Es braucht die nötigen Ressourcen.

Zufriedene Teilnehmer am Ende der Konferenz

Zufriedene Teilnehmer am Ende der Konferenz

Intensive aber konstruktive Auseinandersetzungen in den Gruppengesprächen.

Intensive aber konstruktive Auseinandersetzungen in den Gruppengesprächen.

Tondoro oder der Respekt der Einfachheit

Tondoro! Was für ein wohlklingender Name. Tondoro! Maskulin, stark, kämpferisch irgendwie. Und doch: der Klang bildet in keinster Weise die Realität ab. Tondoro ist eine der ältesten katholischen Missionsstationen im Kavango und wurde 1927 gegründet. Heute wird die Mission von fünf Schwestern des Benediktinerordens von Tutzing geführt. Eine einfache Klinik und ein Schulhostel befinden sich ebenfalls auf dem Gelände der Mission. Einige sagen Tondoro besässe die grösste Kirche im ganzen Kavango. Ob das je einmal nachgemessen wurde, entzieht sich meiner Kenntnis und spielte in der vergangenen Woche auch keine Rolle.

Kirche der Tondoro Mission frühmorgens: Ist sie die höchste im Kavango?

Kirche der Tondoro Mission frühmorgens: Ist sie die höchste im Kavango?

Denn die ganze letzte Woche war ich Teil einer Gruppe von Bildungsspezialisten, die sich, in vier Teams aufgeteilt, aufmachte, einige Problemschulen in der Region zu evaluieren. Dieses Programm nennt sich RISE (Regional Internal School Evaluation). Die Tondoro Mission sollte uns als Basis dienen, wo wir eine einfache Unterkunft vorfanden und vom dritten Tag an von den Schwestern von Tutzing mit einem bescheidenen, aber leckeren Abendessen verwöhnt wurden. Einige Teammitglieder hatten das Glück im Hauptgebäude bei der Klinik untergebracht zu sein. Einfache Zimmer zwar, doch mit Dusche (inkl. Warmwasser) und WC im Zimmer und in sauberem Zustand. Das restliche Team, zwei Kollegen und ich, nächtigten in einem einfachen Bau mit kleinen Zimmern im Mönchszellenstil. Toilette und Dusche wurden geteilt, genau gleich wie das kalte Wasser. Ich würde das kalte Wasser nicht speziell erwähnen, wenn in Namibia zurzeit nicht Winter herrschen würde mit nächtlichen Temperaturen um 5 C°. Die morgendliche Dusche verlangte von mir schon etwas an Überwindung. Aber kneippen soll ja gesund sein.

Mönch für eine Woche: unsere einfach Unterkunft

Mönch für eine Woche: unsere einfache Unterkunft

Die Kinder des Schulhostels er Tondoro Mission sangen bereits im Morgengrauen

Die Kinder des Schulhostels der Tondoro Mission sangen bereits im Morgengrauen

Ich schlief nicht viel während der ersten Nacht vom Sonntag auf den Montag. Zu angespannt war ich, wusste ich doch nicht, was der kommende Tag bringen würde. Einer meiner Kollegen stellte seinen Wecker auf vier Uhr morgens, obwohl wir erst um 06.30 Uhr bei der ersten zu evaluierenden Schule auf das restliche Team stossen würden. Dieser Kollege ist ein Mensch mit Prinzipien, die er nicht so leicht ändert. Der Wecker ging auch an den übrigen Tagen in aller Frühe los und mit ihm endete auch mein Schlaf. Wer will denn hier klagen, wenn man schon mal die Gelegenheit hat, eine Art Mönchsleben zu führen. Ora et labora!

Unser erster Besuch galt der Kahenge Combined School (Kindergarten bis 10. Schuljahr). Wie die folgenden Tage sollte auch dieser mit einem hier üblichen Ritual beginnen. Nach einer ersten Begrüssung durch den Schulleiter wurden die ankommenden Schülerinnen und Schüler zur morgendlichen Versammlung vor dem Schulbüro gerufen, klassenweise in Reihen aufgestellt. Der Schulleiter erklärte der frierenden Schülerschaft den Grund des „hohen“ Besuches, worauf sich jeder von uns mit Namen, Rang und Spezialgebiet vorstellte. Begleitet wurde diese Zusammenkunft von einem Gebet oder einem Bibelvers und dem Absingen der namibischen Nationalhymne und eines Gospelliedes. Der Wortlaut dieser Hymne ist an und für sich bereits bewegend. Hört man ihn jedoch aus Kinderkehlen, die mit Inbrunst und Pathos ihr bestes geben, dann rührt mich das jedesmal zutiefst.

Kahenge Combined School

Kahenge Combined School

Während der Pause werden die Kinder durch das School Feeding Program mit Mahangubrei versorgt

Während der Pause werden die Kinder durch das School Feeding Program mit Mahangubrei versorgt

Was diese Kühe wohl auf im Schüler-WC entdeckt haben?

Was diese Kühe wohl im Schüler-WC entdeckt haben?

So ein Evaluationsteam besteht aus Fachpersonen für den Unterricht und Spezialisten, die das Schulmanagement, die Finanzen und die Infrastruktur durchleuchten. Meine Aufgabe bestand darin, die Sprachlehrer für Englisch zu besuchen und deren Unterricht nach qualitativen und quantitativen Massstäben zu beurteilen. Notengebung, durchgeführte Prüfungen und Heftkorrekturen, Unterrichtsplanung usw. mussten kritisch evaluiert werden. Nach dieser Analyse galt es ein Stärken- und Schwächenprofil zu erstellen und den Lehrpersonen verpflichtende Empfehlungen zur Verbesserung des Unterrichts abzugeben. Diese persönlichen Feedbacks waren nicht immer einfach, musste doch viel Kritisches angesprochen werden. Gegen Ende dieser jeweils zweitägigen Besuche wurde ein Gesamtbericht erstellt, welcher anschliessend der gesamten Lehrerschaft und der Schulpflege unterbreitet wurde. Dieser Prozess dauerte oft gegen drei Stunden und folgte, so machte es für mich den Anschein, einem ungeschriebenen Protokoll. Unser Teamleader, ein erfahrener Schulinspektor, fand jeweils klare Worte, die wohl so manche Lehrperson aus unseren Breitengraden nicht einfach so hingenommen hätte.

Aber genau das finde ich an der Kultur hier so spannend. Einerseits versucht man niemanden offen zu kritisieren, tut alles dafür, unangenehme Dinge indirekt anzusprechen. Dann wiederum gibt es Situationen, wie eben hier bei einer solchen Schulevaluation, wo der Finger direkt auf die wunden Punkte gelegt und nicht mit Kritik gespart wird. Da wird auch mal der Schulleiter vor versammelter Lehrerschaft attackiert, ein Lehrerkollege regelrecht zur Schnecke gemacht. Zwischendrin lockern humorvolle Anekdoten und Wortspielereien die angespannte Atmosphäre wieder auf. Ja, es wird gar gelacht. Auch findet der Teamleader am Schluss seines Plädoyers versöhnliche Worte der Hoffnung und des Zuspruchs. Nach dem Treffen schaut man sich wieder in die Augen, klopft einander auf die Schultern und äussert Worte des Dankes. Es herrscht ein grosser Respekt einander gegenüber.

Meine Kollegin Ms Ndumba berät eine Lehrerin

Meine Kollegin Ms Ndumba berät eine Lehrerin

Auch unter den Bildungsexperten kann es hitzig zu und her gehen

Auch unter den Bildungsexperten kann es hitzig zu und her gehen

Mein Interteam-Kollege Heinz Schmid konzentriert bei der Arbeit

Mein Interteam-Kollege Heinz Schmid konzentriert bei der Arbeit

Respekt zolle ich auch meinen Kolleginnen und Kollegen für ihre Arbeit. Nicht selten wurde von morgens um sieben Uhr bis spät abends gearbeitet. Im stillen Kämmerlein wurde nach dem Abendessen noch an den Einzelberichten gefeilt. Schliesslich fiel man todmüde auf die durchhängende, chinesische Billigmatratze und fand auch trotz Rückenschmerzen den wohl verdienten Schlaf. Es hat mich erstaunt, wie pünktlich meine namibischen Kolleginnen und Kollegen waren, vor allem morgens, wo ich gerne noch ein halbes Stündchen länger geruht hätte. Aber schliesslich galt es, früh genug an den Schulen zu sein, um feststellen zu können, ob Schülerschaft und Lehrpersonen pünktlich zum Unterricht erschienen.

Bekanntlich investiert Namibia rund einen Viertel seines Budgets in die Bildung. Und trotzdem liegt vieles im Argen. Ich persönlich leide bei meinen Besuchen meistens mit den Schülerinnen und Schülern mit. Generell ist der Unterricht langweilig, total lehrerzentriert, schlecht strukturiert und selten wirklich geplant. Natürlich gibt es auch hier, wie überall, löbliche Ausnahmen. Doch diese sind dünn gesät.

Sprachunterricht beinhaltet meist bloss schriftliche Übungen und absolut keine Methodenvielfalt. Eine Doppellektion (80 min.) besteht selbst auf der Mittelstufe nicht selten aus einer einzigen Sequenz. Spielerische und mündliche Aktivitäten werden kaum organisiert, obwohl die Zeugnisnote auch aus der mündlichen Ausdrucksfähigkeit bestehen müsste. Doch im Zentrum des Unterrichts steht die Lehrperson, die während 90 % der Unterrichtszeit doziert, meistens auch noch fehlerhaft. Den Schülerinnen und Schülern wird kaum Platz für eine aktive Beteiligung geboten.

Unser zweiter Arbeitsarbeit: Tondoro Combined School

Unser zweiter Arbeitsort: Tondoro Combined School

Gut gemeintes Poster hängt versteckt in einer Ecke der Schulbibliothek

Gut gemeintes Poster hängt versteckt in einer Ecke der Schulbibliothek

Zu spätes Erscheinen im Unterricht wird mit Unkraut jäten bestraft

Zu spätes Erscheinen im Unterricht wird mit Unkraut jäten bestraft

Unser zweiter Besuch galt der Tondoro Combined School, die auch Kinder aus dem Schulhostel der Mission unterrichtet. Auch hier liegt die Erfolgsrate bei den Abschlussprüfungen seit Jahren unter 30 %. Auch hier sträubten sich bei mir die Haare während meiner Unterrichtsbesuche. Manchmal bekam ich fast eine innere Wut auf die Lehrpersonen, welche die Kinder mit einem äusserst mangelhaften Unterricht regelrecht quälten. Doch ich musste auch lernen, dass es sich lohnt, genauer hinzusehen und hinzuhören. So erfuhr ich in den persönlichen Feedbackgesprächen mit den beiden Englischlehrerinnen, dass sie trotz ihrer Anfrage nach Hilfe, sowohl von erfahrenen Lehrerkollegen wie auch vom Schulmanagement einfach im Stich gelassen wurden. Man muss wissen, dass den namibischen Lehrerstudenten an der Universität nichts an Methodik und Didaktik mitgegeben wird und sie auch während ihren Einsätzen im Feld von den Praktikumslehrpersonen meistens alleine und im Stich gelassen werden. Es bleibt ihnen somit nichts anderes möglich, als so zu unterrichten, wie sie es aus ihrer eigenen Schulzeit kennen.

Seit beinahe zweieinhalb Jahren lege ich deshalb den Schwerpunkt in der Aus- und Weiterbildung der mit anvertrauten Lehrpersonen in diesem Bereich. Ich versuche sie für neue Unterrichtsideen zu gewinnen und ihnen entsprechende Werkzeuge mitzugeben.

Während des persönlichen Feedbacks wird auch Kritisches besprochen

Während des persönlichen Feedbacks wird auch Kritisches besprochen

Und trotzdem findet man sich am Abend fürs Erinnerungsfoto zusammen

Und trotzdem findet man sich am Abend fürs Erinnerungsfoto zusammen

Am Freitag stand die letzte Schule für diese Woche auf unserem Programm. Es handelte sich um die kleine Primarschule in der Gemeinde Ekuli, einer Region im Kavango, aus welcher der aktuelle regionale Bildungsdirektor stammt. Auf seinen Wunsch hin besuchten wir diese Schule, die in den vergangenen fünf Jahren bereits zweimal evaluiert worden war. Und trotzdem steht es weiterhin schlecht um sie. Immer noch kommen etliche Lehrpersonen ihrer Unterrichtsverpflichtung nicht nach. Einige haben Alkoholprobleme. Andere wiederum betreiben Missmanagement, sodass das budgetierte Geld nicht für Schulbücher, Hefte usw. ausgegeben wird, sondern beispielsweise für einen Kühlschrank, der nur den Lehrpersonen dient.

Und genau darin sehe ich eben auch die Problematik dieser aufwendigen Evaluationsaktivitäten. Die Berichte werden zwar gelesen, doch es besteht kein Programm, um diesen schlingernden Schulen genügend Unterstützung anzubieten, geschweige denn, dass jemand in den darauf folgenden Monaten Follow-ups durchführt und überprüft, in wie weit die Empfehlungen umgesetzt wurden.

Kinder beim Spiel mit ausgedientem Schulmobiliar in der Pause

Kinder beim Spiel mit ausgedientem Schulmobiliar in der Pause

Nach dem Unterricht wird fürs nächste Cultural Festival geübt

Nach dem Unterricht wird fürs nächste Cultural Festival geübt

Die Kleinsten dürfen noch nicht mittanzen. Doch als Inspiration für kommende Jahre ist man gerne Zuschauer

Die Kleinsten dürfen noch nicht mittanzen. Doch als Inspiration für kommende Jahre ist man gerne Zuschauer

Für mich war es jedoch eine bereichernde Woche. Ich lernte meine neuen Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen von einer anderen, auch mal privaten Seite kennen. Als Neuling im Evaluationsteam konnte ich zudem mit meiner Arbeit mithelfen, das vorgegebene Programm umzusetzen. Trotz gewisser Entbehrungen stellte sich bei mir rückblickend eine tiefe Befriedigung ein. Und wenn ich dann die Kinder sehe, die auch im Winter oft nur mit einem zerschlissenen T-Shirt bekleidet, schlotternd und mit triefender Nase täglich ihren Weg zur Schule gehen, dann sind doch meine Problemchen beinahe lächerlich.

Ich habe ganz grossen Respekt vor diesen Menschen, die ihren Alltag in Armut mit einer unglaublichen Würde bestreiten.

Kurz nach Sonnenaufgang bei der Ekuli Senior Primary School

Kurz nach Sonnenaufgang bei der Ekuli Senior Primary School

Die Schatten sind noch lang und die Temperaturen tief

Die Schatten sind noch lang und die Temperaturen tief

Die frühen Schüler lassen sich von den ersten Sonnenstrahlen aufwärmen

Die frühen Schüler lassen sich von den ersten Sonnenstrahlen aufwärmen

Mutete (Spinat) im Schulgarten von Ekuli

Mutete (Spinat) im Schulgarten von Ekuli

Frauen - das Rückgrat Afrikas

Frauen – das Rückgrat Afrikas

Reiches Namibia – und trotzdem

Namibia ist ein wunderschönes Land. Ich bin sehr gerne hier.

Namibia ist aber auch ein Land der Gegensätze. Im Nordosten kann man sich durch Sumpflandschaften bewegen, im Südwesten regiert die Namibwüste. Eine riesige Landfläche (rund 20mal so gross wie die Schweiz) kontrastiert mit einer Bevölkerung von nicht einmal 2,5 Mio. Einwohnern. 10 % der Bevölkerung kontrollieren über 90% des Wohlstandes! Namibia besitzt immense Bodenschätze, jedoch kaum eine verarbeitende Industrie. In einer Nation, die weltweit zu den führenden Förderländern von Uran, Diamanten, Zink und anderen wertvollen Rohstoffen zählt, dürfte es eigentlich keine Armut geben. Diese Aussage trifft auf eine Vielzahl von afrikanischen Ländern zu.

Als Fachperson in der personellen Entwicklungszusammenarbeit frage ich mich, und dies nicht erst jetzt gegen Ende meines Einsatzes, ob es gerechtfertigt ist, in einem verhältnismässig reichen Land wie Namibia Entwicklungshilfe zu leisten. Immer wieder gibt diese Frage zu hitzigen Diskussionen Anlass.

So oder ähnlich wohnt der grösste Teil der Namibier

So oder ähnlich wohnt der grösste Teil der Namibier

Holz als Brennmaterial zum Kochen und zum sich im Winter Aufwärmen wird auch in den Zentren benötigt

Holz als Brennmaterial zum Kochen und zum sich im Winter Aufwärmen wird auch in den Zentren benötigt

Und trotzdem! Bei meiner Arbeit an den hiesigen Schulen begegne ich, gerade ausserhalb der Zentren, einer grassierende Armut. Es mangelt an sehr vielem. Gerade im Bildungs- und Gesundheitswesen gäbe es noch viel zu tun. Der grösste Teil der Bevölkerung hat nichts, aber auch wirklich gar nichts vom oben beschriebenen Reichtum.

Die grösste Errungenschaft seit der Unabhängigkeit vor 25 Jahren ist wohl die stabile Lage des Landes. Dies wiederum ist relativ selten im afrikanischen Kontext und könnte potente ausländische Investoren anziehen. Diese existieren bereits in Form von chinesischen, russischen, aber auch amerikanischen und europäischen Interessenten. Nicht alle sind jedoch jedes Zweifels erhaben. Namibia hat es aber geschafft, den hart erkämpften Frieden zu bewahren, trotz der zahlreichen verschiedenen Volksgruppen. Ethnische Spannungen sind marginal. Die demokratischen Prozesse sind im Vergleich zu anderen afrikanischen Staaten weit entwickelt. Namibia ist ein sicheres Land.

Und trotzdem! Heute habe ich die Wochenendausgabe der grössten Tageszeitung („The Namibian“) geöffnet und die Meldung, dass im Norden des Landes ein Strassenkind erfroren ist,  hat mich sehr betroffen gemacht. Es wird leider nicht der letzte ähnliche Todesfall sein in den kommenden Monaten. Ja, es herrscht Winter hier mit nächtlichen Temperaturen um den Gefrierpunkt. Ja, es wird auch dieses Jahr, aufgrund des fortschreitenden Klimawandels und Missernten, hungernde Menschen geben, die mit Getreidelieferungen versorgt werden müssen. Falls diese denn überhaupt zu den Bedürftigen gelangen.

Die seit der Unabhängigkeit regierende SWAPO erhielt im letzten November eine überwältigende Mehrheit von über 80% der Stimmen. Damit ist Namibia de facto eine Einparteien-Demokratie, wenn es denn so etwas überhaupt gibt. Die Frage sei erlaubt, weshalb eine Partei, die es in 25 Jahren nicht geschafft hat, die Armut wesentlich zu lindern, eine solche Zustimmung in der Bevölkerung geniesst. Die folgenden Zahlen mögen diesen Zustand teilweise etwas erklären.

Namibia investiert einen Viertel seines Budget in die Bildung, was ein riesiges Lob verdient. Man könnte dieses Geld ja auch in eine hochgerüstete Armee stecken. Und trotzdem! Schulgebäude sind oft in einem desolaten Zustand, das Unterrichtsniveau ist mangelhaft, die beruflichen Aussichten nach der Schule für viele eher düster.

Das Land leistet sich ein Heer von Staatsangestellten, für die jährlich über 2 Mia. Schweizer Franken an Gehältern bezahlt werden, was rund ein Drittel des Staatshaushaltes ausmacht. Jedes dritte Arbeitsverhältnis ist ein staatliches. Neue Ministerien (z.Bsp. Ministerium für Armutsbekämpfung) werden ins Leben gerufen und mit viel Geld und Personal ausgestattet. Ein luxuriöses Parlamentsgebäude ist geplant, obwohl es das alte noch längstens tun würde. Die Gehälter der Staatsangestellten haben sich seit 2009 verdreifacht. Einerseits erhielten die „civil servants“ stattliche Lohnerhöhungen, andererseits ist die Zahl der Staatsangestellten auch massiv gestiegen. Auf diese Weise versucht das Land die hohe Arbeitslosigkeit zu mildern.

Unterkünfte für Lehrpersonen im "Busch" draussen

Unterkünfte für Lehrpersonen im „Busch“ draussen

Neulich durfte ich einem Gespräch zwischen einigen meiner Kollegen beiwohnen. Dabei ging es um die Frage, ob man sich denn bereits mit 55 anstatt erst mit 60 pensionieren lassen soll. Die Einbusse, wenn man sich mit 55 aus dem Staatsdienst zurückzieht, ist relativ gering, weshalb die meisten zu einer Frühpension tendieren. Der grösste Teil der Bevölkerung kommt nie in einen solchen Genuss. Die Mindestrente, von der die meisten Menschen ihren Lebensabend bestreiten müssen, beträgt gerade mal 100 Franken im Monat.

Und trotzdem! Zu viele Menschen leben, angesichts der wertvollen Ressourcen des Landes, immer noch in Armut. Werden die Gelder nicht effizient eingesetzt und versanden sie sprichwörtlich in der Wüste? Ist es Misswirtschaft, die das Land nicht in eine andere Liga aufsteigen lässt? Diese Fragen sind nur schwer und kaum eindeutig zu beantworten.

Namibia ist und bleibt ein Land der Kontraste. Einiges verstehe ich nach fast drei Jahren hier besser, kann es einordnen, es ohne europäische Brille anschauen. Anderes wird für mich immer ein Rätsel bleiben. Und das ist wohl auch gut so.

Gesamthaft betrachtet nähern sich die afrikanische und die europäische Kultur immer mehr an. Nicht alles davon zeigt sich in einer begrüssenswerten Ausrichtung. Viele Menschen sehnen sich nach Statussymbolen (Auto, Handy, Villa usw.) und verlieren auf der Suche danach ihre Wurzeln und Werte, weil sie sich mit den oberen Zehntausend messen oder dem westlichen Wohlstand nacheifern möchten.

Danach streben viele: Zugehörigkeit zum Jet-Set oder zumindest zum Mittelstand, der sich vor allem in der Hauptstadt Windhoek zelebriert

Danach streben viele: Zugehörigkeit zum Jet-Set oder zumindest zum Mittelstand, der sich vor allem in der Hauptstadt Windhoek zelebriert

Shiny happy party people

Shiny happy party people

Die Landflucht nimmt auch in Namibia in horrendem Tempo zu. Die Zentren wuchern planlos, mit den allseits bekannten Folgen.

Ich kenne keinen Lehrerkollegen, der nicht gerne in einer Stadt arbeiten würde. Denn dort hätten sie wenigstens anständige Häuser und ein kulturelles Angebot, das für sie primär aus Vergnügungsmöglichkeiten besteht. Selbst die sogenannte „bush allowance“ (zusätzliche Entschädigung zum Lohn) für Lehrpersonen, die weitab von Zentren unterrichten und in einfachen Behausungen leben müssen, reicht nicht aus, um die Lehrpersonen bei der Stange zu halten.

Und trotzdem! Ich glaube an Namibias Zukunft, in der weniger Menschen in Armut leben werden.

Emanzipation im Kavango

 

Vergangenen Freitag hat Irland offenbar als erstes Land auf der Welt mittels eines Referendums die Heirat gleichgeschlechtlicher Paare jener der konventionellen gleichgestellt. Ein Meilenstein für die progressiven Strömungen in einer Gesellschaft. Für andere ist es dafür wohl der Beginn des endgültigen Zerfalls von Sitte und Moral.

Auch wenn Frauen in einigen Berufsgattungen in Europa oder Amerika noch nicht den gleichen Lohn erhalten wie ihre männlichen Kollegen, etwas das ich weder verstehe noch gut heisse, so kann man doch festhalten, dass in den entwickelten Ländern Mann und Frau in den meisten Bereichen gleichberechtigt und gleichgestellt sind. Die meisten westlichen Männer sind heute emanzipiert. Dazu zähle ich mich auch.

Afrika funktioniert anders, in vielen Bereichen komplett anders. In gewissen afrikanischen Ländern ist beispielsweise Homosexualität verboten, ja teilweise sogar unter Todesstrafe gestellt. Auch in Namibia ist es immer noch nicht erlaubt, die gleichgeschlechtliche Liebe zu leben, zumindest auf Papier. In der Realität macht man, vor allem in den Städten, kein grosses Aufsehen mehr, auch wenn man kaum Händchen haltende Paare herumspazieren sieht.

Gerade in ländlichen Gegenden ticken die Uhren jedoch nochmals anders. Hier im Kavango ist die Rollenverteilung klassisch. Aber klassisch im afrikanischen Sinn. Das heisst, dass die meisten Arbeiten vom weiblichen Geschlecht erledigt werden. Darunter fallen kochen, Wäsche waschen, Holz sammeln, Fische fangen, Kinder erziehen, Wasser holen, Geld verdienen usw. Mancher fragt sich nun wohl, was denn die Männer überhaupt noch arbeiten.

 

Eine der attraktivsten Grenzen, die ich kenne: links Angola, rechts Namibia.

Eine der attraktivsten Grenzen, die ich kenne: links Angola, rechts Namibia.

In der Tat kann man den Eindruck gewinnen, dass sich das männliche Geschlecht vorwiegend im Schatten eines Baumes palavernd und sich dem Alkohol frönend durch den Tag vergnügt. Es wird jedoch von einem Mann erwartet, dass er seine Familie ernähren kann. Bloss hat es für die meisten gar keinen Job. Somit bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich als Subsistenzbauern oder Hirten über Wasser zu halten, was wiederum nicht sehr viel Geld generiert. Einige haben das zweifelhafte Glück, sich bei einer der zahlreichen, oft chinesischen, Bauunternehmungen oder Minen, unter sklavenähnlichen Bedingungen, als Tagelöhner zu verdingen.

Für viele ländlich geprägte und meist wenig ausgebildete Frauen ist das obige Bild Normalzustand und wird selten wirklich in Frage gestellt. In Rundu hingegen emanzipieren sich gerade jüngere und gebildete Frauen in rasantem Tempo, was das traditionelle Gefüge gewaltig durchschüttelt und nicht selten zu Konflikten führt, die dann ihrerseits wiederum in häuslicher Gewalt enden.

Bei meinem gestrigen Spaziergang entlang des Kavangos – ja ich liebe diesen Fluss – wurde mir genau diese klassische Rollenverteilung vorgelebt.

 

Eine Wäscheleine findet sich überall

Eine Wäscheleine findet sich überall

Herrin über bunte Stoffe

Herrin über bunte Stoffe

Wäsche waschen, persönliche Hygiene und Lebensfreude in einem

Wäsche waschen, persönliche Hygiene und Lebensfreude in einem

Von weitem schon hörte ich Kindergeschrei und lautes Planschen im Wasser. Sehen konnte ich noch nichts, marschierte ich doch durch haushohes Schilfgras. Plötzlich erspähte ich bunte Punkte, die sich später zu an einem Zaun zum Trocknen aufgehängte Kleidungsstücke verbanden. Bald schon wurde ich von den Kindern entdeckt und mit Shirumbu-Shirumbu-Rufen in Empfang genommen. Regelmässige Leserinnen und Leser erinnern sich vielleicht der Bedeutung dieses Wortes. Shirumbu bedeutet Weisser.

Eine etwas ältere (sprich in meinem Alter!!) Frau sass in der Nähe eines fast erloschenen Feuers, umrahmt von vielen Metern Kleider. Die Kinder ihrerseits vollzogen waghalsige Sprünge in den Kavango und erfreuten sich des kühlenden Nass, ohne dabei an die Krokodile zu denken, die immer mal wieder jemanden töten. Doch die Menschen hier kennen die sicheren Stellen am Fluss sehr gut.

Erst nach einer Weile erblickte ich eine junge Frau, die am Flussufer Fische zubereitete für das anstehende Abendessen. In ihrem Topf lagen fein säuberlich aufgeschichtet stattliche, aber auch sehr mickrige Fische, du unsereins wieder ins Wasser zurückwerfen würden.

Äusserst geschickt wurde der Fang entschuppt und mit gekonnten Handgriffen ausgenommen. Als Arbeitsgerät diente der Frau doch tatsächlich ein Schweizer Sackmesser. Ein idealer Grund, um mit ihr ins Gespräch zu kommen. Ich machte sie darauf aufmerksam, dass sie da im Besitz eines wertvollen Messers sei, was sie mit Kopfnicken bejahte. Ihr Englisch war recht gut und so stand eigentlich einem spannenden Gespräch nichts mehr im Wege…….ausser die Tradition. Frauen sind es sich nicht gewohnt, dass Männer, schon gar nicht weisse, sich einfach für alltägliche Belange des Lebens interessieren und sie direkt ansprechen.

In seichtem Wasser fängt man mit solchen Fallen Fsche

In seichtem Wasser fängt man mit solchen Fallen Fische

Fische entschuppen und ausnehmen (Man beachte das Schweizer Sackmesser)

Fische entschuppen und ausnehmen
(Man beachte das Schweizer Sackmesser)

Deshalb war die Dame, wie die meisten Kavangos gegenüber Weissen, freundlich aber nicht sehr mitteilsam. Der Hinweis auf die helvetische Herkunft ihres Arbeitsgerätes kommentierte sie mit der Geschichte ihres Vaters, der vor vielen Jahren einmal in der Schweiz für eine Bauunternehmung tätig gewesen war.

Ich bedankte mich für das angenehm entspannte Gespräch und winkte zum Abschied nochmals den Kindern zu. Noch nicht ausser Sichtweite rannte ein Knabe hinter mir her und bekundete den Wunsch mit mir zu fischen. Leider musste ich ihn enttäuschen, da ich auf dem Weg nach Hause war. Als wir jedoch ausser Hörweite der Familie waren, kam der wahre Beweggrund für das Interesse meines plötzlichen Begleiters zum Vorschein. Er stellte sich als Mike aus der fünften Klasse vor und fragte mich, ob ich nicht zufällig einen Bleistift oder Kugelschreiber für ihn hätte.

Hoch erfreut, dass ich nicht einfach plump um Geld angebettelt wurde, durchforstete ich meinen Rucksack und präsentierte Mike einen Kugel- und einen Feinschreiber. Mit einem riesigen Strahlen machte er sich auf den Rückweg, stoppte jedoch nach einigen Metern und fragte mich, ob ich nicht noch ein Foto von ihm möchte. Obwohl er sich gekonnt in Pose warf, verzichtete ich gerne darauf. Dieser Moment, diese Begegnung war so schön und unverfälscht. Ein Tausch Schreibgerät gegen Foto hätte alles kaputt gemacht. Zudem wollte ich diese Art von Handel auf keinen Fall unterstützen und Mike ein falsches Bild geben.

Auch der neue Präsident Hage Geingob ist (im positiven Sinn) mit allen Wassern gewaschen

Auch der neue Präsident Hage Geingob ist (im positiven Sinn) mit allen Wassern gewaschen

Auf dem ganzen Rückmarsch strahlte ich innerlich und schwelgte in der Hoffnung, dass Mike in Zukunft, dank seiner Schulbildung, einen passenden Job finden und sich auf den Weg einer afrikanisch geprägten Emanzipation begeben würde.